Die «Politikflüsterer» - Simultandolmetscher beim EU-Gipfel Von Stefanie Baumer, dpa

20.06.2007 01:31

   Brüssel (dpa) - Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beim
EU-Gipfel in Brüssel für eine Lösung im EU-Verfassungsstreit kämpft
,
hat Barbara Block ein wichtiges Wörtchen mitzureden. Fast unsichtbar,
hinter dicken Glasscheiben in kleinen Kabinen verborgen, werden die
Dolmetscherin und ihre Kollegen jeden Satz der Staats- und
Regierungschefs blitzschnell übersetzen.

Mit Hilfe von Mikrofonen und Kopfhörern kann die 49-Jährige dann
zum Beispiel Merkel auf Deutsch ins Ohr flüstern, was Frankreichs
Präsident Nicolas Sarkozy gerade in seiner Muttersprache gesagt hat.
Die Simultandolmetscher sollen so dafür sorgen, dass der Gipfel ohne
Verständigungsprobleme über die Bühne geht - zumindest sprachlich. 
 

   «Das größte Kompliment für einen Dolmetscher ist, wenn man
überhaupt nicht merkt, dass er da ist», sagt Barbara Block. Sie
spricht neben ihrer Muttersprache Deutsch noch Französisch, Englisch,
Italienisch sowie Spanisch und arbeitet seit 27 Jahren für den
Dolmetschdienst der EU-Kommission.

Ihr Kollege Gerald Dichtl, der beim Gipfel gemeinsam mit Block in
einer Kabine sitzen wird, sagt: «Es geht darum, im Hintergrund zu
sein und nicht als Individuum wahrgenommen zu werden. In diesem
Moment ist man nicht Frau X oder Herr Y, sondern der Dolmetscher.»

   Wenn sich die Spitzenpolitiker der 27 EU-Länder am Donnerstag un
d
Freitag in ihren Sitzungssaal zurückziehen, werden ihnen Block,
Dichtl und 64 andere Dolmetscher folgen: drei für jede der 22
Amtssprachen. In den schalldichten Kabinen müssten sie sich zu dritt
einen 2,40 Meter breiten Schreibtisch teilen, erklärt Block. Neben
Mikrofonen und Kopfhörern haben die Dolmetscher auch Bildschirme, auf
denen sie die Gestik und Mimik der Redner verfolgen können.

   Deutsch, Französisch oder Estnisch - jeder Spitzenpolitiker darf
während der Verhandlungen in der von ihm gewünschten EU-Amtssprache
reden und bekommt alle Beiträge auch in diese übersetzt. «Vor allem
auf den Gipfeln sprechen sehr viele in ihrer Muttersprache», sagt
Block, die sich an die langwierigen Verhandlungen über den EU-Vertrag
von Nizza noch lebhaft erinnert.

Die Dolmetscher übersetzen nach dem so genannten
Muttersprachenprinzip, also aus mehreren fremden Sprachen in ihre
Muttersprache. Bei seltener gebrauchten Sprachen wie Lettisch gingen
viele Kollegen den «Umweg» über eine andere Sprache, erklärt Block.
Dabei schalten sie sich zum Beispiel auf die französische oder
englische Übersetzung und übertragen diese in ihre Muttersprache.

   Auf dem Gipfel wird Block immer eine halbe Stunde dolmetschen und
sich dann von ihren Kollegen ablösen lassen. «Man schaltet aber nie
ganz ab, sondern hört mindestens mit halbem Ohr immer zu», erklärt
sie. «Es ist wichtig, bei den Gesprächen von Anfang an dabei zu sein,
vor allem, wenn es um Nuancen geht und heikel werden kann.»

   «Für komplizierte Verhandlungen sind Dolmetscher unerlässlic
h»,
sagt die deutsche Europa-Abgeordnete Angelika Beer von den Grünen. Im
politischen Alltag werde zwar sehr viel auf Englisch verhandelt.
Dennoch gehe es bei Tagungen und Konferenzen meist nicht ohne
Dolmetscher, da nicht immer alle Beteiligten verhandlungssicheres
Englisch beherrschten, sagt Beer.
  
   Für Verhandlungen im Hinterzimmer haben viele Politiker ihre
eigenen Dolmetscher dabei. «Die deutsche Delegation wird von zwei
Dolmetschern begleitet. Eine Person für Französisch, die andere für
Englisch», sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Sie
sollen Kanzlerin Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier
bei bilateralen Gesprächen zur Seite stehen - fast unsichtbar
im Hintergrund, aber immer am Ohr der Mächtigen.
dpa sba xx a3 la